Ein Wochenende über Motivation, Verantwortung und die eigenen Bedürfnisse
Von Luca Schneider
Freitag, der 28. August, im Tagungszentrum Schmerlenbach im Spessart bei Hösbach.
Im Gruppenraum kommen viele Hörgeschädigte zusammen, die eine gemeinsame Erfahrung teilen:
Sie leiten eine Selbsthilfegruppe. Sie haben sich ein Wochenende freigeräumt, um über eine Frage nachzudenken, die nur wenige öffentlich stellen: Was brauche ich selbst, um diese Rolle auszufüllen?
Genau darum ging es beim Wochenende „Selbsthilfe mit Weitblick II – Selbstverständnis, Motivation und Führung". Es ging nicht nur darum, wie man Gruppen organisiert oder Termine plant. Sondern auch darum, was Menschen in der Selbsthilfe wirklich motiviert und wann gute Führung beginnt. Begleitet wurde das Wochenende von Oliver Hupka, Audiotherapeut (DSB). Er setzte bewusst auf Workshops statt Frontalunterricht mit kurzen Theorieimpulsen, eigenen Erfahrungen, Gruppenarbeiten, Fallbeispielen und Rollenspielen.
Am Freitagnachmittag starteten wir mit einer kurzen Vorstellung von Oliver Hupka, der erzählte, wie er zu seinem beruflichen Weg gekommen ist. Anschließend zeigte er uns, wie er den Workshop strukturiert hatte, und stellte uns die vier Leitfragen der Selbsthilfe vor, die aus dem ersten Teil im letzten Jahr zusammengetragen worden waren.
1. Was motiviert mich, mich in der Selbsthilfe zu engagieren?
2. Welche Bedürfnisse bringe ich selbst mit und welche haben andere?
3. Wie kann ich Menschen führen und motivieren, wenn ich gar keine Weisungsbefugnis habe?
4. Wo liegen meine Grenzen und wie kann ich Verantwortung übernehmen, ohne alles selbst zu machen?
Den weiteren Freitagabend haben wir mit einer Kennenlernrunde fortgesetzt. Das Schöne daran war, dass wir dies in Kleingruppen taten und die Aufgabe bekamen, die drei wichtigsten Themen aufzuschreiben, die uns zurzeit innerhalb der SHG-Leitung beschäftigen. In der großen Runde wurden diese dann vorgestellt und man merkte schnell, wie ähnlich sie sich sind.
Ein kleiner Ausschnitt:
- Rahmen, Grenzen und Verantwortung in der Selbsthilfe
- Inklusion und Beteiligung von allen Teilnehmenden Personen
- Motivation von Mitgliedern und Co-Leitung
Am Samstag stiegen wir damit ein, dass wir uns die Bedürfnisse der Menschen anschauten.
„Motivation entsteht nicht unabhängig davon, was Menschen brauchen" – Oliver H. Vortrag
Dafür schauten wir uns die Bedürfnispyramide nach Maslow an. Viele kennen diese aus der Schule oder Universität – die Grundbedürfnisse stehen unten, die Selbstverwirklichung oben.
Doch was das mit Führung zu tun hat, wurde erst in den Diskussionen klar: Wer eine Gruppe leitet, muss die Bedürfnisse der Mitglieder verstehen. Und erst recht, was die Leitung selbst braucht, um nicht auszubrennen. Besonders greifbar wurde das beim Blick auf Hörschädigung: Höranstrengung und Erschöpfung betreffen die körperliche Ebene, das Verstehen von Informationen die Sicherheit und Gespräche sowie Veranstaltungen die Zugehörigkeit. Ernst genommen zu werden, betrifft die Wertschätzung und den Beruf, Hobbys oder Ehrenamt, die Selbstverwirklichung. In Gruppenarbeiten ging es um die Frage, was Selbsthilfe an diesen Stellen leisten kann – und was nicht. Ebenso besprachen wir verschiedene Menschentypen, denen wir in den Treffen begegnen können, und wie wir am besten auf sie reagieren. Sehr spannend war auch der Austausch darüber, wie sich eine Herausforderung zur Ressource entwickeln kann und welche positiven und negativen Auswirkungen dies auf uns SHG-Leitungen haben kann.
Oliver Hupka führte auch ein Rollenspiel durch, in dem unsere Aufgabe darin bestand, eine Absage nicht zu bewerten, sondern zu verstehen und gemeinsam nach Lösungsansätzen zu suchen. Das war das Vroom's VAE-Modell. Dabei ging es um folgende Begriffe:
- Valenz (Ist mir das Ergebnis wichtig?)
- Instrumentalität (Bewirkt mein Einsatz tatsächlich etwas?)
- Erwartung (Traue ich mir die Aufgabe zu?)
Mit diesem Modell versteht man plötzlich, warum sich Menschen engagieren – oder auch, warum sie es nicht tun. Nicht jedes „Nein" bedeutet fehlendes Engagement. Hinter „Das kann ich nicht", „Warum immer ich?", „Das bringt doch sowieso nichts" oder „Ich habe dafür keine Zeit" stecken ganz unterschiedliche Motivationsfragen. Die Aufgabe lautet deshalb: nicht bewerten, sondern verstehen.
Ein Gedanke zog sich besonders durch den Sonntag: Führung beginnt nicht mit einer Weisungsbefugnis.
In einem Unternehmen folgt auf die formale Rolle die Aufgabe, die Anweisung und die Kontrolle. In der Selbsthilfe läuft es anders: gemeinsames Ziel, Beteiligung, Motivation und freiwillige Verantwortung. Führung bedeutet hier, Orientierung zu geben, Beziehungen zu gestalten, Verantwortung zu ermöglichen und Menschen für gemeinsame Ziele zu gewinnen – und ist ausdrücklich nicht dasselbe wie Kontrolle.
Wie das praktisch aussehen kann, wurde in Rollenspielen ausprobiert. Ein Mitglied übernimmt seit Monaten keine Aufgaben, beschwert sich aber, dass immer dieselben alles machen. Anweisen, überzeugen, Bedürfnisse erkunden oder Verantwortung zurückgeben – vier Gruppen, vier Gespräche, vier unterschiedliche Wirkungen.
Anschließend wurde die Self-Determination Theory betrachtet. Dabei geht es um drei Merkmale:
- Autonomie: Ich erlebe mein Handeln als freiwillig und selbstbestimmt.
- Kompetenz: Ich erlebe mich als fähig und wirksam.
- Verbundenheit: Ich fühle mich anderen zugehörig.
In der Selbsthilfe sind diese drei Bedürfnisse unmittelbar relevant. Gute Führung schafft Bedingungen, unter denen diese Bedürfnisse unterstützt werden. Im Rahmen einer Gruppenarbeit setzten wir uns mit den drei Merkmalen auseinander und diskutierten anschließend im Plenum.
Was dieses Wochenende so stark gemacht hat, war der Austausch. Mit Leiter:innen aus anderen SHG's, die verschiedenen Erfahrungen und andere Herausforderungen mitbrachten. Gruppenarbeit, Diskussionen, Rollenspiele – immer mit der klaren Botschaft: Hier ist ein Raum, in dem du alles sagen kannst.
„Wann hattest du zuletzt eine Situation, die dich als SHG-Leiter:in belastet hat?"
Diese Frage wurde bewusst gestellt, und die Antworten waren ehrlich.
- Konflikte mit einzelnen Mitgliedern.
- Burnout-Risiken.
- Schuldgefühle, wenn man nicht alle auffangen kann.
Die Spannung zwischen „Ich möchte allen helfen" und „Ich bin nicht für alles verantwortlich".
Genau darin liegt die Erkenntnis, die dieses Wochenende so wertvoll macht. Nicht allein mit den Fragen zu sein.
Und zu merken, dass andere Leiter:innen die gleichen Gedanken haben.
Zum Abschluss wurde das Wochenende per Live-Umfrage (Mentimeter) ausgewertet — und das Bild war eindeutig:
Was hat dir besonders gut gefallen?
Ganz vorne standen Location, Referent, Austausch, Zeitplan und Essen. Dazu kamen Begriffe wie Safe Space, Atmosphäre, gegenseitige Wertschätzung, Zugehörigkeit, Gruppenarbeiten und „generationsübergreifend". Die Vielfalt des Formats wurde ebenso genannt wie die professionelle Organisation - und, ganz nebenbei, der Kaffee.
Was hat dir gefehlt?
Am häufigsten wurde „nichts" geantwortet. Die übrigen Wünsche wurden mit einem Augenzwinkern geäußert: Whirlpool, Sauna, Massagen, Billardtisch, Karaoke – und vor allem mehr Schlaf. Dass dieser Punkt häufig genannt wurde, ist angesichts von drei Tagen intensivem Input nicht verwunderlich. Doch genau für diesen Input nehmen alle gerne in Kauf, dass wenig geschlafen wird.
Was nimmst du von dem Wochenende mit?
Am häufigsten genannt wurden Austausch, Weiterentwicklung, Ideen und Anregungen.
Dahinter folgen Bedürfnisse, Kompetenz, Sicherheit, Wertschätzung und Verbundenheit – genau die Begriffe, welche wir vorher aus den Modellen gelernt hatten. Genauso tauchten persönliche Antworten auf: „Ich kann Nein sagen", „Grenzen wahren", „Bedürfnischeck", „neue Freundschaften" und „Mut".
Das Wochenende endet mit einem gemeinsamen Mittagessen. Die Rückmeldungen zeigten, dass die Teilnehmenden die Erkenntnisse verinnerlicht haben. Die Teilnehmenden verwenden nun selbst Begriffe aus der Theorie wie Bedürfnisse, Kompetenz, Verbundenheit und Grenzen.
Ein Bild, das sich ganz klar nach dem Wochenende ergibt: Führung in der Selbsthilfe ist keine Fähigkeit, die man sich einmal aneignet und dann für immer hat. Sie ist ein fortlaufender Prozess, der auf gegenseitiger Unterstützung, Reflexion der eigenen Bedürfnisse und der der Gruppe sowie der Bereitschaft zu lernen basiert.
Deshalb treffen sich unsere CIV-HRM-Verantwortlichen an diesen Wochenenden.
Mit der großen Frage: Wie können wir unseren Mitgliedern das beste Gefühl geben?
Und das beginnt damit, dass wir selbst gut für uns sorgen.
Ich danke dem CIV HRM für dieses gemeinsame Wochenende und allen Teilnehmenden für ihre großartigen Anregungen und Diskussionen.
Ebenso danke ich den beiden Olivers. Dem einen für die Organisation der Location und das gesamte Wochenende. Und dem anderen Oliver für die Impulse und die Begleitung durch das Wochenende.
Bis zum nächsten Mal!
Luca
Oktober 2026