Alena Becovic berichtet von ihren Erfahrungen als CI – Trägerin
Die drei Student*innen Lena, Marlene und Tom der Studiengänge Sprechwissenschaften & Phonetik und Klinische Linguistik haben in der Deaf Ohr Alive – Community WhatsApp – Gruppe nach einer freiwilligen Person, die mit Cochlea-Implantat(e) versorgt ist, gefragt, die sich bereit erklärt an einer Sitzung zum Thema Cochlea Implantat teilzunehmen und Erfahrungen aus der Träger*innenperspektive zu teilen.
Ich, Alena Becovic, Mitglied des CIV HRM und des Vorstandes der Hessischen Gesellschaft zur Förderung der Gehörlosen und Schwerhörigen e.V., habe mich mit Freude bereit erklärt.
Zu einem Kennenlernen und Abstimmen der Vorgehensweise haben wir vier uns eine Woche vorher getroffen. Hier durften die drei Studierenden live miterleben, welchen Herausforderungen eine hörbehinderte Person begegnen kann. Bei der Tischauswahl in einer Bar wurde der Tisch hinten im Raum bevorzugt, weiter entfernt von der Durchgangszone, um eine etwas geringere Geräuschkulisse zu erlangen. Auch während dem Gespräch bemerkte man, dass die Raumakustik eine große Rolle spielt, z.B. eine Gruppe von Menschen, die neben uns saßen, waren nicht zu überhören. Als Reaktion darauf achtete man vermehrt auf das Mundbild und auf eine deutlichere Aussprache.
Während dem Gespräch erfuhr ich, dass die Studierenden nach Abschluss ihres Master-Studienganges akademisch anerkannte Sprachtherapeuten sein werden. Und zu meiner Freude sammelten einige von ihnen schon Erfahrungen mit Cochlea Implantat – Träger*innen! Des Weiteren kamen die Themen gesellschaftliche Herausforderungen und Barrieren auf den Tisch – ein wichtiger und zu beachtender Bestandteil des Lebens einer hörbehinderten Person. Es wurde über die Durchsagen im Bahnhof, die Corona-Pandemie und die leicht zu übersehenden Herausforderungen eines alltäglichen Einkaufes gesprochen. Hier und da wurde der Wunsch geäußert, die Details in der Sitzung zu erwähnen.
Eine Woche später standen wir unerwartet vor einer Herausforderung – die eines Schneechaos– was es mir unmöglich machte, die einstündige Autofahrt nach Marburg auf mich zu nehmen. Aber wie uns die Zeiten der Corona – Pandemie und Digitalisierung gelehrt haben, es gibt immer einen anderen Weg zum Ziel!
Innerhalb von zwei Stunden haben wir die geplante Sitzung in einem Stuhlkreis zu einer Hybrid-Veranstaltung umorganisiert. Danke nochmal an alle Beteiligten, ganz besonders an die Dozentin Fr. Dr. de Jong-Lendle, die sich flexibel und ambitioniert verhalten haben, um diese Veranstaltung möglich zu machen, deren Mehrwert nicht zu leugnen ist!
In den anderthalb Stunden Sitzung wurde ich zu unterschiedlichen Themen befragt. Zum einen erzählte ich meinen Weg zur Diagnose und meine Entwicklung zu der Person, die ich jetzt bin. Im Rahmen dieser Erzählung stellte ich die Studierenden vor ein Rätsel, welches ich hier jetzt darstellen werde, ohne dies aufzulösen, um einen kleinen Gedankenanstoß zu geben:
Mit zwei Jahren wurde ich von einem HNO-Arzt aufgrund von Auffälligkeiten in meiner Sprachentwicklung untersucht und bin mit der Diagnose „Kind hört, ist aber sprachfaul" aus der Praxis rausgegangen. Ausschlaggebend für diese Diagnose war das Ergebnis eines Stimmgabel-Tests. Ich saß auf dem Schoß meines Vaters auf dem Untersuchungsstuhl und meine Mutter saß uns gegenüber und animierte mich während der Untersuchung sie anzuschauen. Der HNO-Arzt schlug drei Stimmgabeln pro Seite an und führte diese parallel zu meinem Vater heran. Jedes Mal an einem gewissen Punkt zog ich den Kopf weg. Man bemerke, ich bin von Geburt an taub aufgrund eines Gendefekts.
- Wie kann das sein? Und was könnte mein Gehirn geleistet haben?
Nach dem Ratespiel und dessen Auflösung erklärte ich, wie das Cochlea – Implantat funktioniert, nach dessen Erläuterung mir just die Batterien leergingen und ich demonstrieren konnte, dass man auch mit nur einem CI hören kann, in meinem Fall es aber einen Mehraufwand an Konzentration bedeutet.
Damit sind wir auf die Herausforderung im Höralltag zu sprechen gekommen. Im Zuge dessen wurde ich gefragt, wie man als Gegenüber mit einer hörbehinderten Person umgehen sollte. Ich machte deutlich, dass eine grundlegend empathische und wertschätzende Haltung immer die Brücke zu einer gelingenden Kommunikation baut. Das beinhaltet Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse und im Zweifelsfall Eigeninitiative zu ergreifen, um es der hörbehinderten Person angenehmer und leichter zu machen, z.B. ein Ortswechsel hin zu einer geräuscharmen Kulisse.
Es wurde auch aufgezeigt, dass die Selbsthilfe-Kultur in Deutschland sich etabliert hat, was man z.B. an den neu entstehenden DOA-Gruppen sehen kann. Die Organisationsstruktur von Selbsthilfegruppen, Vereinen und deren Dachverbänden wurde erklärt und es wurde hervorgehoben, dass sich jüngst einige wichtige Kooperationen entfaltet haben, wie der Deutsche Hörverband (DHV). Es kam zur Sprache, dass die politische Präsenz solcher Vereinigungen in der aktuellen Lage sehr wichtig sind und Zuspruch und Unterstützung verdient haben.
Zum Abschluss des Berichtes gebe ich ein paar Zitaten der beteiligten Student*innen Raum, die sich mit der Frage auseinandergesetzt haben, was sie aus dem Seminar mitgenommen haben:
„Dass Hören zu können in einigen Situationen …überfordernd und sehr stressig sein kann."
„Mehr Sichtbarkeit für das CI, bisher hatte ich keine Berührungspunkte mit dem Thema. Seit dem Seminar gehe ich ein Stück weit aufmerksamer durch die Welt. Und sehe auf einmal viel häufiger Menschen mit CIs!"
„Man wird nicht einmal implantiert und hört dann sofort. Es muss ständig angepasst und erneuert werden. Der Anpassungsprozess ist aufwändig. Davor habe ich großen Respekt."
„Hörpausen als Möglichkeit der Entspannung – wie können hörende Menschen das auch umsetzen…?"
„Kontroverse um den Begriff „taubstumm", ich selbst habe den Begriff nie verwendet, aber auch nicht kritisch hinterfragt, wenn andere ihn verwendet haben. Aber natürlich: was heißt denn bitte „stumm"? Niemand ist „stumm".
Keiner ist stumm, jeder hat eine Stimme und kann mit dieser Stimme Großes bewegen!
Eure
Alena Becovic
Februar 2026